Sprechen Sie die mal an

Bei einer Literatur-Veranstaltung in einer Buchhandlung im Friedenauer Dichterviertel sprach die Referentin – eine berühmte Professorin übrigens – so rhetorisch brillant wie unterhaltsam über Thomas Mann und seine Familie und erwähnte dabei einen Zigeuner auf dem gelben Wagen. Das Publikum bestand ganz überwiegend aus jungen und weniger jungen Seniorinnen und Senioren besten, alteingesessenen Westberliner Bildungsbürger­tums, sowie Studierenden der Literaturwissenschaften, und etliche schienen einander zu kennen. Man war eingeladen und aufgefordert, nach dem Vortrag zu diskutieren und Fragen zu stellen. Ich fragte nach dem »Zigeuner«, erfuhr, dass es sich um ein Zitat von Thomas Mann handle und erwiderte, dass es schön gewesen wäre, wenn sie das Zitat kenntlich gemacht hätte, weil der Begriff »Zigeuner« problematisch sei, worauf die Professorin sich sofort der nächsten Wortmeldung zuwandte, die ein anderes Thema betraf.

Hinterher schenkte der Buchhändler Wein aus, und eine jener bildungsbürgerlichen jungen Seniorinnen prostete mir zu mit den Worten, sie sei froh, dass ich das Zigeuner-Zitat angesprochen hätte, denn das Zitat sei falsch. In Wahrheit sei der Wagen grün und nicht gelb! Das könne man nachlesen, sie wisse es bestimmt. Wir nippten am Wein, sie trank weißen, ich roten. Auch dies sei sicher ein interessanter Aspekt, gab ich zu, jedoch sei es mir um etwas anderes gegangen, nämlich um den Begriff »Zigeuner«, der … und wurde unterbrochen damit, dass der Wagen aber wirklich grün … Weiterlesen

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Subtile Fälschungen

Merkwürdige Koinzidenzen: Da werde ich aufmerksam auf ein Buch von Martin Doll mit dem Titel »Fälschung und Fake«. Fast gleichzeitig wird auf »phoenix« der Film von Miklós Gimes über Tom Kummer ausgestrahlt (»Bad Boy Kummer«). Kummer hatte in den 1990er Jahre Furore mit Interviews insbesondere von US- und Hollywood-Berühmtheiten wie Brad Pitt, Sharon Stone, Quentin Tarantino oder Mike Tyson gesorgt, bis sich schließlich herausstellte, dass diese Gespräche gefälscht waren und niemals stattgefunden hatten. Diese beiden Ereignisse – die Buchlektüre und der Film – wurden flankiert von einem Beitrag des NDR-Medienmagazins »zapp« über sogenannte autorisierte Interviews. Schon vor einigen Wochen war mir in diesem Zusammenhang ein »tagesschau«-Blog-Beitrag von Sandra Stalinski aufgefallen, in der sie über ein nachträglich zurückgezogenes Interview schreibt und dies mit dem »Recht auf das gesprochene Wort« rechtfertigt, welches, wie die Autorin betont, in Deutschland gelte. Und schließlich gab es den Artikel in der FAZ, in der die Bundespressekonferenz beim Nachrichtenmagazin »Spiegel« einen Verstoß gegen das Schweigegelübde mit dem jovial-ominösen Titel »Unter 3« ausmachte und eine »Rüge« aussprach: Der »Spiegel« berichtete über eine private Aussage des Vorsitzenden des Bundesverfassungsgerichts, der als Vorwegnahme eines Urteilsspruchs ausgelegt werden könnte. Weiterlesen

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Ismet Prcic: Scherben

Ismet Prcic: Scherben

Ismet Prcic: Scherben

Ismet Prcić ist 1977 geboren und lebte mit seiner Familie in Tuzla, einem Ort im heutigen Bosnien-Herzegowina. Über einen Aufenthalt einer Theatergruppe in Großbritannien entkommt er der Einberufung in die bosnische Armee. Der Roman »Scherben« beginnt nach einem kleinen Exkurs aus dem Krieg in einer 1995 in New York landenden KLM-Maschine. Da ist Ismet 18 Jahre.

»Scherben« ist ein sehr gut konstruiertes Buch mit einfach nachvollziehbaren Vor- und Rückblenden. Zum einen wird die Eingewöhnung des bosnischen Flüchtlings Ismet Prcić in den USA erzählt. Es wird zitiert aus dem Tagebuch und Briefen an seine Mutter (wobei offen bleibt, ob diese Briefe jemals verschickt werden). Und schließlich gibt es irgendwann immer häufigere, realistische, landserartige Berichte vom Frontsoldaten Mustafa Nalić, einem Jungen, dem der Ich-Erzähler bei der Musterung begegnet und im Laufe des Buches zu Ismets Schatten, seiner zweiten Existenz wird. Er fabuliert die Lebensgeschichte von Mustafa und als er dessen Grab entdeckt, erspürt er, dass Mustafa tatsächlich noch lebt. Alles dies erlebt der Leser als therapeutische Maßnahme, die Ismet von seinem amerikanischen Arzt »verordnet« wurde um seine posttraumatische Belastungsstörung irgendwie in den Griff zu bekommen. »Jeder ist der Held seiner eigenen Märchen«, so paraphrasiert Ismet seinen Arzt – und handelt danach: »Mach dir keine Gedanken, was wahr ist und was nicht, damit machst du dich nur verrückt. Schreibt einfach nur. Schreib alles auf.« Weiterlesen

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Die Faszination des Deckels

Die Berichterstattung in den deutschen Medien über den großen Erfolg der sogenannten »Abzocker-Initiative« des Unternehmers Thomas Minder in der Schweiz ist intensiv. Aber sie ist oft falsch und schlichtweg zu einfach. Statt das Publikum über die Inhalte der Schweizer Initiative aufzuklären, werden griffige Formeln gefunden, die mit der Realität nur wenig zu tun haben.

Die Neue Zürcher Zeitung macht diese komplexitätsreduzierende Berichterstattung in »kleineren« Medien aus. Dazu gehört aus Schweizer Sicht offensichtlich die »Welt«, die mit ihrer Schlagzeile »Managergehälter sollen in der Schweiz künftig gedeckelt werden – so haben die Bürger des Landes entschieden« mangelnde journalistische »Finesse« zeige, so die NZZ. Immerhin hat man dort inzwischen die Schlagzeile verändert.

Die mangelnde journalistische Finesse ist besonders deutlich im deutschen Fernsehen bzw. deren Online-Angeboten. Weiterlesen

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Tosende Bilderwelten – Josef Winkler zum 60.

josef-winkler-wortschatz-der-nachtKurz nach der Publikation seines Erstlingsromans »Menschen­kind« 1979 hatte Josef Winkler einen weiteren Text für die Literaturzeitschrift »manuskripte« geschrieben und veröffentlicht. Er erscheint heute, nach mehr als 30 Jahren, »neu durchgesehen« vom Autor, erstmals als Buch. Aus »Das lächelnde Gesicht der Totenmaske der Else Lasker-Schüler« wurde »Wortschatz der Nacht«, was schade ist, denn der ursprüngliche Titel passte viel besser zu diesem kurzen, etwas mehr als 100 Seiten umfassenden Text. Charakteristisch für Josef Winkler handelt es sich um eine expressive, assoziative Suada, ein expressionistisch-schauriges Sprachkunstwerk – auch wenn man glaubt zu bemerken, dass die enorme Wucht der späteren Werke wie »Friedhof der bitteren Orangen« oder der meisterhaften Novelle »Natura morta« noch nicht ganz erreicht wird.

Dennoch ist man überrascht, dass viele der Motive aus Winklers Erzählungen und Ro­manen hier bereits aufleuchten. Da ist der Freitod der beiden 17jährigen Jakob und Robert, seinen »Seelenbrüder[n]», die sich eines Tages an einem Kalbstrick erhängt hatten – an jedem Ende einer. Ein Ereignis, dass Winkler in zahlreichen Variationen bis heute immer wieder neu inszeniert; bis hin zur Deutung eines homoerotischen Verhältnisses zwischen den beiden Jungen. Da ist weiterhin die ins Traumatische stilisierte Szene des dreijährigen Josef, dessen »kinderlose Tante« ihn derart in die Höhe hob, dass er das Gesicht der toten Großmutter auf dem Totenbett im Detail sehen konnte. Da ist die nach einem Kruzifix scheinbar nachgebildete Form des Heimatdorfes. Und da ist natürlich diese unbändige Todessehnsucht des Erzählers, die gelegentlich auch (homo-)erotische Konnotationen trägt; eine Sterbenslust, häufig gegen den Ich-Erzähler selbst gerichtet und in immer wieder neuen Variationen von Tod, Freitod, Mord und Unfällen durchgeträumt und herbeiphantasiert.

–> weiterlesen bei Glanz und Elend

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Von Quants und anderen Monstern

Frank Schirrmachers »Ego – Das Spiel des Lebens« ist eine wilde Alarmmaschine und kapituliert allzu voreilig

Frank Schirrmacher: Ego - Das Spiel des Lebens

Frank Schirrmacher: Ego – Das Spiel des Lebens

Cover - Mario Puzo: Der Pate

Cover – Mario Puzo: Der Pate

Das Cover von »Ego – Das Spiel des Lebens« weckt Assoziationen an Mario Puzos Buch (und auch dem Film) »Der Pate«. Hier wie dort das Symbol der Manipulation: die Marionette. Am Ende zitiert Schirrmacher den französischen Schrift­steller Paul Valéry, dessen Figur Monsieur Teste die »Marionette« getötet hatte. Man muss genau lesen: Hier soll nicht die Marionette emanzipiert und von ihren Fäden befreit werden. Hier geht es um den Tod der Figur. Erst wenn diese tot ist, hat der Marionettenspieler keine Macht mehr. Das bemerkenswerte ist: Die Marionette sind wir selber bzw. das, was im Laufe der Zeit Besitz von uns genommen hat. Der Tod der Marionette ist, so kann man das interpretieren, die Exorzierung des Bösen in uns. Ob da der Satz Die Antwort war falsch als Slogan der Austreibung ausreicht?

Worum geht es? Schon früh das Bekenntnis, das Buch bestehe letztlich nur aus einer einzige[n] These, die des »ökonomische[n] Imperialismus«: Damit ist gemeint, dass die Gedankenmodelle der Ökonomie praktisch alle anderen Sozialwissenschaften erobert haben und sie beherrschen. Den Keim für diese Entwicklung zum »Ökonomismus« (das ist meine Formulierung, die womöglich ungenau ist, aber vielleicht gerade in ihrer Verein­fachung vorübergehende Hilfestellung bietet) findet Schirrmacher im Erfolg der Spiel­theorie, die, so die These, den Kalten Krieg sozusagen gewonnen habe. Als das planwirt­schaftliche System obsolet wurde, ahnte niemand, welche Auswirkungen dies haben würde. Die Physiker wechselten an die Wall Street und implementierten die Logik des Kalten Krieges in die Maschinen, die dann ab den 1990er Jahre immer mehr den Privatraum der Menschen eroberten.

Der neue Kalte Krieg

Im Kalten Krieg galt das »Gleichgewicht des Schreckens«. Wer den atomaren Erstschlag auslöste, musste damit rechnen, ebenfalls vernichtet zu werden. Zuerst zuschlagen hieß, als Zweiter vernichtet zu werden. Der Erstschlag bot keinen Gewinnanreiz. Dieses Szenario musste immer wieder neu angestrebt und als Prämisse etabliert bleiben bzw. werden. Damit war klar: Keiner würde riskieren, die Welt untergehen zu lassen, wenn er selbst dabei draufginge. Und das ist daraus nach 1990 geworden: Keiner wird riskieren, uns untergehen zu lassen, wenn wir dafür eine ganze Welt in den Abgrund stürzen, war 50 Jahre später nachweislich die Logik der Too-big-to-fail-Strategen von Lehman bis AIG. Weiterlesen

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Anton Hunger: Blattkritik

Anton Hunger: Blattkritik

Anton Hunger: Blattkritik

Es klingt vielversprechend: Sein Buch »Blattkritik« soll keine populistische Medienschelte sein, so verspricht der Autor Anton Hunger im Vorwort. Und dann schreibt er vom überbordenden moralischen Rigorismus der Jour­nalisten, die sehr oft die Wahrheit biegen, bis die Story passt und sich einen Biotop geschaffen haben, der gerne Gutes von Bösem scheidet. An Beispielen werde gezeigt dass Journalisten Maßstäbe, die sie an andere anlegen, häufig für sich nicht gelten lassen. Sie fühlten sich, so Hunger, zunehmend als die Überlegenen. Das klingt alles sehr gut und vielversprechend. Bei alledem will Hunger seine 17jährige Tätigkeit als Kommunikations­chef bei Porsche ausdrücklich nicht direkt thematisieren – was er allerdings vermutlich aus (arbeits-)rechtlichen Gründen auch gar nicht darf. Immerhin lässt er sich zu dem Aperçu verleiten, dass so mancher journalistische Erguss zur am Ende gescheiterten Übernahme von VW durch Porsche noch nicht einmal die Graswurzeln streifte. Da winkt einer mit dem Zaunpfahl, um ihn ganz schnell wieder zu verstecken. Weiterlesen

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Der trotzige Stoiker – Hermann Lenz zum 100.

Es ist wohl so etwas wie ein Sinnbild: Wenn man nach vielen Jahren noch weiß, wann und wo man die Bücher eines bestimmten Autors, einer bestimmten Autorin gelesen hat. Und wie es einem danach ging. Dabei kommt es nicht unbedingt darauf an, wieviel man aus dem Buch tatsächlich »behalten« hat. Sondern nur, wie man sich dieses Buch erlesen hat. Und mit welchen Bildern man herumläuft, wenn man den Titel oder den Autor hört oder liest.

Ich weiß heute noch, wie ich Hermann Lenz‘ Eugen Rapp-Romane gelesen habe. Ich sehe mich mit dem eher modrig duftende Exemplar von »Neue Zeit« aus der Stadtbibliothek auf dem Bauch lesend. Und staunend. Später dann das fast protokollhafte, für Lenz’ Verhältnisse zornige »Seltsamer Abschied«, in dem sein Alter ego Eugen Rapp durch seiner Schwester übel mitgespielt wird, die ihn nach dem Tod der Eltern aus dem Haus treibt, in der Rapp mit seiner Frau gelebt hatte. Rapp, der mit Hermann Lenz einerseits identisch, andererseits aber auch eine Kunstfigur ist, trauert ob dieser Vertreibung vom heimeligen Stuttgart ins hektische München (seine Frau hat dort ein Haus und sie ziehen dort ein) in der ihm eigenen Mischung aus Melancholie, Gleichmut und Ergebenheit. Irgendwann habe ich mir die Bücher dann gekauft. So etwas wollte ich besitzen. Weiterlesen

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