Eine Sache der Prioritäten

Frank Schirrmacher sah sich genötigt, einige klare Worte zum Suhrkamp-Streit (ist es schon ein Drama?) zu sagen. Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen. Aber wie so oft, wenn auf FAZ oder in irgend einem anderen sogenannten Leserforum dann die Kommentare hereinpurzeln, sind diese noch von einer ganz anderen »Qualität«.

Dem hohen Ton des drohenden Untergangs vom ein oder anderen Autor oder Weggefährten wird das Schulterzucken entgegen gesetzt. Was soll das denn? Suhrkamp sei doch nur ein Verlag. Die sogenannte Suhrkamp-Kultur (in der Tat eine schreckliche Formulierung) ist für die meisten Kommentatoren elitär, gestrig, zu vernachlässigen, habe sich überholt. Ihre Protagonisten seien alt, verbiestert und – natürlich – Intellektuelle, die nicht mit Geld umgehen können. (Wie blödsinnig dieses Vorurteil ist zeigt sich, wenn man die Briefwechsel Unseld mit Bernhard und Handke liest.) Man gönnt ihnen teilweise auch den Absturz. Weiterlesen

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Im richtigen Leben

Da haben wir also wieder einmal einen zünftigen Skandal. Endlich. Da hat der chinesische Autor Mo Yan den Literaturnobelpreis bekommen – und reagiert dabei so gar nicht, wie man sich dies wünscht. »Empörung über regimefreundliche Äußerungen von Mo Yan« titelt exemplarisch die »Zeit«. Im hastig zusammengeschriebenen Artikel steht die An­klage schon im Untertitel: Der Schriftsteller habe die chinesische Zensur verteidigt und dies in einer Pressekonferenz mit den Kontrollen am Flughafen verglichen. »Ver­leum­dungen, Verunglimpfungen, Gerüchte und Beleidigungen muss man schon zen­sieren«, so wird Mo Yans Äußerung zitiert. Der »Zeit« reicht dies, die Stimmen der Empörten lawinenhaft auszubreiten.

Wäre es nicht ein Fall von journalistischem Ethos (in diesen Zeiten?) gewesen, Mo Yans Äußerungen vollständig und kontextuell einwandfrei zu zitieren? Er sagte: Weiterlesen

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Herbstlaub

Als ich Peter Handke im Oktober bei Paris besuchte, kehrte er gerade vor dem Haus das Laub und schien mich erst gar nicht zu bemerken, wie ich den kleinen baumgesäumten Pfad auf das Tor zuging. Ein wunderbares Bild, dieser fast Siebzigjährige, wie er dasteht mit hochgekrempelten Ärmeln, in feiner, aber abgetragener Anzughose und barfuß im Nieselregen das Laub zusammenrecht. Er läßt ja auch Bücher oft draußen im Garten liegen, bis sie ganz aufgequollen sind. Ich könnte ihn stundenlang beobachten, wenn er so vor sich hin­werkelt, denn er vermag es auch ohne Worte, einen in eine betrach­tende Stimmung zu versetzen – ganz ähnlich wie seine Texte.


Malte Herwig hat viele Gespräche mit Peter Handke geführt, zuletzt im Oktober diesen Jahres für das SZ-Magazin zusammen mit Sven Michaelsen. Von ihm ist die intensiv recherchierte, lesenswerte und sehr aufschlussreiche Biographie »Meister der Dämmerung« erschienen, die aus Anlaß des 70. Geburtstags Handkes soeben als Taschenbuch-Ausgabe vorliegt. – L. S.

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Phänomenologien eines Dichters

Peter Handke: Versuch über den Stillen Ort

Peter Handke:
Versuch über den Stillen Ort

[...]
Und nun, nach mehr als zwanzig Jahren legt Peter Handke seinen vierten Versuch vor, der »Versuch über den Stillen Ort«, wobei die Schreibweise des Adjektivs im Laufe der Erzählung wichtig wird, denn aus dem »Stillen Ort« (also der euphemistischen Umschreibung für die Toilette oder, noch direkter, dem Scheißhaus) wird – im Idealfall – der »stille Ort«; das Refugium, die gesuchte wie notwendige Weltabgeschiedenheit.

Wieder einmal also ein gemeinhin als schnöde (oder sonstwie schlecht) angesehener Ort, den man gewöhnlich ganz schnell wieder verlassen möchte. Die Traditionslinie Peter Handkes dieser Art von Ortsbesuchen und -erzählungen ist lang. Sie reicht vom Pariser Vorstadtort »Béçon-les-Bruyères«, den einst Emmanuel Bove in einer meisterhaften Miniatur zu einem literarischen Ort machte und von Handke entdeckt und kongenial übersetzt wurde über die stundenlang beobachtete, schmilzende Quelle in Llivia, einer spanischen Enklave im »weiten Pyrenäen-Hochland« (»Eine Stille kam auf, wie sie selbst in diesem Jahrhundert noch möglich war, aber nur im Alleinsein?« ), den »fahlen Schachtelwänden im Knick der Gassen« von Soria, der »Niemandsbucht« des sich seiner Freunde vergewissernden Schriftstellers Gregor Keuschnig, den gott- und oft genug menschenverlassenen Enklaven in den wehmütig-zornigen Serbien-Texten und der elegischen »Morawischen Nacht« bis zur Großstadt-Peripherie, Schauplätze unter anderem der Kindergeschichte um »Lucie mit den Dingsda« (Handkes selbstironischstem Buch) und auch dem »Großen Fall«, als der Schau-spieler mäandernd in ein fremd-utopisches Post-Metropolis aufbricht. [...]

Das vollständige Dokument als pdf-Datei: Phänomenologien eines Dichters


Raimund Fellinger/Katharina Pektor (Hrsg.): Briefwechsel Peter Handke, Siegfried Unseld

Raimund Fellinger/Katharina Pektor (Hrsg.): Briefwechsel Peter Handke, Siegfried Unseld

Und hier meine Besprechung zum Briefwechsel Handke/Unseld auf »Glanz und Elend«: »Leben in der Erzählung« (pdf-Datei)


PS: Ein aufmerksamer Leser (ein Pleonasmus eigentlich) reklamierte zu Recht meine Bezeichnung »Ort« für die Landschaft des Vexin. Ich bitte, mir diesen Fehler nachzusehen.


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Der unseriöse Carsten Schneider

Carsten Schneider ist der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Er sagt oft etwas, weil er oft gefragt wird. So richtig habe ich seine Pseudo-Opposition, was die Griechenland-/Euro-Aktivitäten der Regierung Merkel angeht, nicht verstanden, denn immer wenn sogenannte Hilfspakete zur Abstimmung standen, stimmte Schneider zu. Gründe mag es dafür genug gegeben haben; ich sah sie nicht. Deshalb ist Carsten Schneider für mich kein Oppositionsabgeordneter mehr gewesen. Dass, was er sagte, war eine Kritik jenseits eines tatsächlich anderen Politikentwurfs; allzu oft nur ritualisierte Gegenrede.

Am Mittwoch früh horchte ich jedoch auf. Schneider sagte in einem Interview im Dudelsender WDR2: »Eine Entscheidung zu Griechenland ist in dieser Woche nicht vorstellbar.« Der Zeitdruck, den die Bundesregierung aufbaue, verhindere eine sorgfältige Entscheidung. Er sei auch gar nicht notwendig. Schneider bekannte, dass er sich nicht in ein, zwei Tagen für oder gegen die Beschlüsse entscheiden könne. Weiterlesen

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Der Schwarm ist nicht nur digital. Eine Replik.

Das Netz und alle damit verbundenen Phänomene lassen sich nicht nur unaufgeregter, sondern auch besser verstehen, wenn man zwei (ansonsten eigentlich übliche) Annahmen trifft: Erstens: Das Netz gibt es nicht, allenfalls als Vereinfachung und Abstraktion, es ist ein Medium über das Individuen miteinander interagieren und kommunizieren, und damit vielfältig, wie die Welt selbst, auch wenn es nur einen Teil derselben darstellt oder repräsentiert. Zweitens: Alle die daran teilhaben, es gestalten oder konsumieren, sind Menschen und bringen grundsätzlich jene Motive, Handlungen oder Verhaltensweisen mit, die sie aus ihrem Alltag gewohnt sind; deshalb sollten alle Phänomene des Netzes zunächst einmal dahingehend betrachtet werden, ob sie auch in der Welt außerhalb des Netzes beobachtbar sind. Das schließt nicht aus, dass dieses Medium spezifische Probleme oder Phänomene hervorbringt, fördert oder filtert: Genügen die bekannten Erklärungen nicht mehr, dann müssen neue gefunden und begründet werden, die dann mit dem Medium selbst zusammenhängen, es kennzeichnen und als typisch anzusehen wären.
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Versuche über die Beginnlosigkeit

Rainer Rabowski: Unsere Sache

Rainer Rabowski: Unsere Sache

Einige Gedanken zu Rainer Rabowskis brillant-komplexem Erzählband »Unsere Sache«

Sie heißen Yvonne, Helga, Raphaela, auch Novikova und Angélique oder – geheimnisvoll – »H.N« und spielen in fünf von sechs Erzählungen des Bandes »Unsere Sache« eine entscheidende Rolle. Ober­flächlich betrachtet mit soziologischem Blick daherkommend sind es Erinnerungen an vergangene Bekannt- und Freundschaften aus einer zurückge­lassenen Zeit. Tatsächlich jedoch ist es ein entzifferndes Erzählen, ein Assoziieren und Reflektieren, das wie zufällig einsetzt. Der Ruf eines Namens an einer Bushaltestelle. Ein Gesicht in einer Menge ist eine ehemalige Arbeitskollegin (und auch Freundin). Oder, noch filigraner: Das leichte Heben eines Kinns. Schöne Momente, ein kleines Aufatmen erlaubende Freude, inmitten der mich immer etwas fremdeln lassenden Business-Verödung auf jemanden aus einer früheren Beinahe­vertrautheit zu treffen! Und im Nu beginnen Gedankenketten, aber anders als man vielleicht vermuten könnte, sind es keine expressiven Suaden oder atemlose Wortkas­kaden, sondern bedachtsame, präzise und analytische Verortungen und Reflexionen, die zuweilen zu überraschenden Selbsterkenntnissen des jeweiligen Erzählers führen. Fast hat man das Gefühl, Transkriptionen eines mündlichen Erzählens, eines Selbstgesprächs, zu lesen (einmal heißt es auch Jetzt, im Sprechen), wäre da nicht dieser exakte Satzbau, diese zum Teil bis in die eckige Klammer hinein ausgefeilten Formulierungen. So steigert sich diese barocke Ausführlichkeit im Ton sanfter Melancholie bis hin zum andauernde[n] autistische[n] Selbstbefragen. Damit gelingen Re-Inszenierungen von verblüffender Intensität.

–> weiterlesen bei Glanz und Elend

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Die Köche der Erbsensuppe

»Weltliteratur« prangt auf der Banderole auf dem Buch als Zitat von Peter Handke. In dessen Nachwort fehlt dieses Wort; es ist ein Interview-Zitat. Es handelt sich um Florjan Lipuš’ Roman »Boštjans Flug«. Und wie die Mechanismen im deutschsprachigen Literaturbetrieb funktionieren, kann man in diesen Zeiten wieder einmal genüsslich sehen. Da schreibt Matthias Weichelt eine hymnische Besprechung in der FAZ eben auf dieses Buch (da die FAZ gegen Zitate aus ihren Besprechungen klagt, gibt es hier keine Links zu FAZ-Artikeln). Weichelt klagt am Ende, dass das Buch trotz »namhafter Fürsprecher« unbekannt sei. Dies müsse sich, so das Urteil, ändern.

Dem ist natürlich zuzustimmen (und: Weichelts Besprechung ist sehr gut). Klar ist aber: Erst durch die Veröffentlichung des Buches im Suhrkamp-Verlag erreicht es die mediale Präsenz, die es literarisch längst verdient hätte. Das Buch existiert seit sechs Jahren im Klagenfurter Wieser Verlag. In der bräsigen Arroganz des deutschen Germanistenbeamten nannte Jürgen Brokoff Wieser einen »entlegenen« Verlag. Und das ist natürlich abschätzig gemeint. Weiterlesen

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